Der Flaschenhals Fahrschule: Warum internationale Fahrer monatelang auf Ausbildungsplätze warten

ON7 Redaktion
3 Min. Lesezeit
16.12.2025
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Ein System, das bremst, statt zu bewegen

Während der Transportsektor immer stärker unter Druck gerät, stehen tausende internationale Fahrer in Deutschland buchstäblich im Leerlauf. Nicht, weil sie nicht fahren können, sondern weil sie keinen Ausbildungsplatz finden. Der Übergang zur Fahrerqualifizierungsnachweis-Karte (FQN) hat die Anforderungen erhöht, aber nicht die Kapazitäten. Das Ergebnis ist ein massiver Flaschenhals in den Fahrschulen.

Fahrschulen sind überfüllt - und das seit Jahren

Der Fahrermangel ist nicht das einzige Problem. Auch Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer fehlen, und zwar massiv. Laut Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände sind bundesweit rund 20 Prozent der Fahrlehrerstellen unbesetzt (Quelle: BVF, 2024). Gleichzeitig stieg die Nachfrage nach Lkw-Schulungen stark an, weil viele Unternehmen Nachwuchs ausbilden müssen, ältere Fahrer ihre Weiterbildung erneuern und internationale Fahrer die Grundqualifikation nachholen müssen. Das führt dazu, dass Fahrschulen Bewerber auf Wartelisten von 3 bis 6 Monaten setzen, in manchen Regionen sogar länger. Für internationale Fahrer bedeutet das ein kompletter Stillstand, noch bevor sie überhaupt anfangen können.

Sprachprobleme - die unterschätzte Eintrittsbarriere

Die größte Hürde beginnt oft nicht im Lkw, sondern im Klassenraum. Die die theoretische Prüfung für die Grundqualifikation findet ausschließlich auf Deutsch statt, ohne Dolmetscher und ohne alternative Sprachversionen. Die DIHK berichtet, dass internationale Fahrer überproportional häufig durch die Theorie fallen, weil der Unterricht sprachlich zu anspruchsvoll ist (Quelle: DIHK, 2024). Die Folge ist, dass viele Fahrschulen Bewerber mit niedrigem Deutschniveau ablehnen, internationale Talente lange vor Kursbeginn Sprachkurse absolvieren müssen und Prüfungen oft mehrfach wiederholt werden. Das verlängert die Ausbildungszeit erheblich und führt nicht selten zum Abbruch.

Kostenexplosion - bevor der Motor überhaupt läuft

Fahrschulen sind teuer geworden. Die beschleunigte Grundqualifikation kostet 3.000 bis 6.000 Euro (Quelle: DEKRA, 2024). Zusätzlich entstehen Kosten für:

  • medizinische Untersuchungen
  • Führerscheinumschreibung
  • beglaubigte Übersetzungen
  • Prüfungsgebühren
  • zusätzliche Praxisstunden bei Sprachproblemen

Für viele internationale Fahrer ist das ohne Einkommen kaum finanzierbar - besonders bei monatelanger Wartezeit.

Prüfungsstress - und warum er internationale Fahrer besonders trifft

Der Prüfungsdruck ist hoch. Die FQN-Theorie fragt rechtliche, technische und sicherheitsrelevante Inhalte in komplexer deutscher Fachsprache ab. Internationale Fahrer scheitern laut DIHK vor allem an:

  • unübersichtlichen Prüfungsfragen
  • fehlenden Unterrichtsmaterialien in Fremdsprachen
  • mangelnden Probeprüfungen
  • langen Wartezeiten auf Wiederholungstermine

Viele Prüfstellen vergeben Termine erst nach 4 bis 8 Wochen - das erhöht Stress und Kosten.

Ein System, das internationale Talente verliert

Viele internationale Fahrer reisen mit Motivation, Erfahrung und hohen Erwartungen nach Deutschland. Doch der Weg zur FQN führt durch ein System, das für Menschen mit Migrationserfahrung kaum zugänglich ist. Die Konsequenzen sind gravierend: Unternehmen verlieren Kandidaten nach Monaten der Wartezeit, Fahrer kehren in ihre Heimatländer zurück, einige wechseln in Hilfsjobs, weil sie nicht monatelang ohne Einkommen warten können, und der Fachkräftemangel bleibt bestehen, obwohl die Talente da wären. Der Fachkräftemangel ist also nicht das eigentliche Problem. Der Flaschenhals Fahrschule ist es.

Warum Deutschland den Flaschenhals lösen muss - sofort

Deutschland braucht Fahrer. Ohne sie stehen Lieferketten, Kliniken, Supermärkte und Produktionslinien still. Doch der Zugang bleibt blockiert, solange:

  • Fahrschulen überlastet sind
  • Sprache nicht adressiert wird
  • Ausbildungskosten explodieren
  • Prüfstellen monatelang vergeben sind

Lösungen wären:

  • digitale Vorbereitungskurse vor Einreise
  • mehrsprachige Lernmaterialien und Prüfung
  • beschleunigte Programme für erfahrene Fahrer
  • bundesweite Standards für Umschreibungen
  • Kapazitätsaufbau in Fahrlehrerausbildung und Prüfstellen

Deutschland muss nicht nur Fahrer suchen, sondern realistische Wege schaffen, sie auszubilden.

Der Mangel entsteht nicht auf der Autobahn, sondern im Ausbildungssystem

Die FQN ist wichtig für Sicherheit. Aber sie steht auf einem Fundament, das für internationale Talente kaum zugänglich ist. Wartelisten, Sprachbarrieren, Kosten und Prüfungsengpässe machen den Berufseinstieg unnötig schwer. Wenn Deutschland den Fahrerengpass lösen will, muss es zuerst den Flaschenhals im Ausbildungssystem beseitigen. Denn fahren darf nur, wer ausgebildet ist und ausgebildet wird nur, wer überhaupt einen Platz bekommt.

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