Ein Rechtsanspruch ohne Personal: Warum die Ganztagsbetreuung am Fachkräftemangel zu scheitern droht
Ab dem 1. August 2026 gilt bundesweit der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Erstklässler. Doch es fehlen bis zu 65.000 Betreuungsplätze und rund 100.000 pädagogische Fachkräfte. Die Betreuungsfrage ist im Kern eine Fachkräftefrage - und internationale Rekrutierung wird zu einem zusätzlichen Baustein der Lösung.
Wenn das Geld da ist, aber die Menschen fehlen
In Schleswig-Holstein stockt der Ausbau der Ganztagsbetreuung für Erstklässler. Von 630 Förderanträgen der Kommunen waren zuletzt erst rund 250 bewilligt - bei einem beantragten Fördervolumen von etwa 883 Millionen Euro. Bis Jahresende sollen zwar alle förderfähigen Anträge bewilligt sein, doch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft warnt bereits, dass die Qualität der Betreuung leiden könnte, wenn Räume und Fachkräfte fehlen (Quelle: tagesschau.de / NDR Schleswig-Holstein, 7. August 2026).
Was hier regional sichtbar wird, ist der Vorbote eines bundesweiten Problems. Denn ab dem 1. August 2026 gilt in ganz Deutschland ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung - zunächst für Erstklässler, dann stufenweise bis zum Schuljahr 2029/30 für alle Grundschulkinder (Quelle: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, bmbfsfj.bund.de). Ein Meilenstein für Familien. Und eine Mammutaufgabe für Städte und Gemeinden.
Mehr als Bildungsgerechtigkeit: Der Ganztag ist ein Wirtschaftsthema
Der Rechtsanspruch wird oft als bildungspolitische Frage diskutiert - als Beitrag zu mehr Chancengleichheit für Kinder. Das ist er auch. Aber er ist weit mehr als das. Ganztagsbetreuung entscheidet mit darüber, wie viele Eltern - und statistisch vor allem Mütter - überhaupt in Vollzeit arbeiten können. Wer keine verlässliche Betreuung für sein Kind hat, reduziert die Arbeitszeit oder steigt ganz aus dem Beruf aus. In einer Zeit, in der Deutschland händeringend Arbeitskräfte sucht, ist das ein Widerspruch mit Folgen.
Damit entsteht ein bemerkenswerter Zusammenhang: Deutschland braucht Fachkräfte, um die Ganztagsbetreuung überhaupt anbieten zu können - und es braucht die Ganztagsbetreuung, damit Eltern dem Arbeitsmarkt stärker zur Verfügung stehen. Der Fachkräftemangel bremst hier also seine eigene Lösung aus. Wer den Ganztag nicht personell absichert, verschärft den Arbeitskräftemangel an anderer Stelle gleich mit.
Diagramm eines Kreislaufs: Ein Pfeil führt von Ganztagsbetreuung zu Eltern im Arbeitsmarkt, der Rückpfeil ist durch den Fachkräftemangel unterbrochen und gestrichelt dargestellt.
Der Anspruch steht. Die Voraussetzungen nicht.
Der Rechtsanspruch ist ehrgeizig: acht Stunden täglich, fünf Tage die Woche, auch in den Ferien. Doch bei der Umsetzung treffen drei Engpässe aufeinander - Räume, Finanzen und, am gravierendsten, Personal. Die Größenordnung des Personalbedarfs ist erheblich. Der „Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule“ der Bertelsmann Stiftung beziffert den zusätzlichen Bedarf an pädagogischen Fachkräften für Kita und Grundschule zusammen auf eine Größenordnung von rund 100.000 - deutlich mehr, als nach den bestehenden Ausbildungskapazitäten voraussichtlich nachrücken werden (Quelle: GEW, unter Bezug auf den Fachkräfte-Radar für KiTa und Grundschule der Bertelsmann Stiftung, gew.de).
Speziell für den Start des Ganztagsanspruchs beziffert das Bundesfamilienministerium die kurzfristig noch fehlenden Betreuungsplätze auf bis zu 65.000, wobei der Ausbaubedarf vor allem in Westdeutschland besteht (Quelle: Deutsches Schulportal, unter Bezug auf den GaFöG-Bericht des Bundes, deutsches-schulportal.de, 2026).
Die Folge zeigt sich bereits in der Praxis: In einer repräsentativen Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), die im Januar 2026 veröffentlicht wurde, gab ein Viertel der Schulleitungen an, nicht für alle Kinder, die 2026/27 eingeschult werden, eine Ganztagsbetreuung gewährleisten zu können. Als größte Hürden nannten sie fehlende Räume und fehlendes Fachpersonal (Quelle: Deutsches Schulportal / VBE, deutsches-schulportal.de, 2026).
Das eigentliche Risiko: Betreuung ohne Qualität
Wenn ein Rechtsanspruch besteht, die Fachkräfte aber fehlen, entsteht ein gefährliches Ausweichmuster: Der Anspruch wird formal erfüllt, aber die Qualität bleibt auf der Strecke. Genau davor warnt der offizielle GaFöG-Bericht des Bundes. Er stellt fest, dass der Rechtsanspruch allein mit qualifizierten Fachkräften kaum zu erfüllen sein wird - und dass bereits heute in der Hälfte aller Einrichtungen Personal ohne formale pädagogische Qualifikation in den außerunterrichtlichen Angeboten tätig ist. Der Bericht warnt ausdrücklich davor, dass der Fachkräftemangel „zunehmend zu einer prekären Professionalität führt, da schlichtweg die Zeit für qualitativ hochwertiges Arbeiten fehlt und verstärkt nur noch Aufsichtsaufgaben wahrgenommen werden können“ (Quelle: Deutsches Schulportal, unter Bezug auf den GaFöG-Bericht des Bundes, deutsches-schulportal.de, 2026).
Verschärft wird die Lage durch den demografischen Wandel: Viele erfahrene Erzieherinnen und Erzieher gehen in den kommenden Jahren in Rente, während zu wenige nachrücken. Besonders angespannt ist die Situation im ländlichen Raum, wo kleine Gemeinden offene Stellen oft überhaupt nicht mehr besetzen können (Quelle: kommunal.de, Februar 2026). Damit wiederholt sich in der Bildung ein Muster, das aus anderen Bereichen längst bekannt ist: Ein politisch gewolltes, gesellschaftlich wichtiges Versprechen droht nicht an mangelndem Willen oder fehlendem Geld zu scheitern - sondern schlicht daran, dass die Menschen fehlen, die es umsetzen sollen.
Der Fachkräftemangel bremst hier seine eigene Lösung aus: Deutschland braucht Fachkräfte für den Ganztag - und den Ganztag, damit Eltern dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
Ausbildung ist der erste Hebel - aber nicht der einzige
Der wichtigste Ansatz bleibt, den Beruf attraktiver zu machen: bessere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Ausbildungsplätze und durchlässigere Qualifizierungswege. Das ist die Grundlage jeder tragfähigen Lösung. Doch angesichts der Größenordnung der Lücke und des gleichzeitigen demografischen Drucks wird die inländische Ausbildung allein die Nachfrage kurzfristig nicht decken können. Internationale Fachkräfte sind deshalb ein zusätzlicher, sinnvoller Baustein - neben Ausbildung, Weiterbildung und besseren Arbeitsbedingungen, nicht an deren Stelle.
Dass dieser Weg realistisch ist, zeigt die Praxis bereits: Mit dem Programm „Willkommen im Kindergarten“ rekrutiert die Bundesagentur für Arbeit gezielt Erziehungsfachkräfte aus anderen EU-Staaten - derzeit mit Schwerpunkt auf Spanien und Italien - für den Einsatz in deutschen Kindertagesstätten. Die BA koordiniert dabei bei Bedarf die sprachliche Vorbereitung der Kandidatinnen und Kandidaten im Heimatland (Quelle: Make it in Germany / Bundesagentur für Arbeit, make-it-in-germany.com, 2026).
Wichtig ist dabei eine Besonderheit dieses Berufsfeldes: Erzieherin und Erzieher ist ein reglementierter Beruf. Die Anerkennung ausländischer Qualifikationen läuft über die Bundesländer und unterscheidet sich je nach Landesrecht in Anforderungen und Verfahren. Genau das macht die internationale Rekrutierung in diesem Bereich anspruchsvoll - und den Prozess dahinter umso wichtiger.
Was ON7 dazu beitragen kann
ON7 ist eine digitale Plattform, die internationale Fachkräftegewinnung von Anfang bis Ende an einem Ort bündelt. Sprachliche Vorbereitung im Herkunftsland, Dokumentenmanagement, Visa-Prozesse, Anerkennung und Onboarding laufen nicht mehr über unzählige einzelne Stellen und Behördengänge, sondern über einen zentralen, transparenten und nachvollziehbaren Ablauf. Arbeitgeber und Fachkräfte können den gesamten Weg - von der Bewerbung bis zum Arbeitsantritt in Deutschland - digital steuern und behalten jederzeit den Überblick, wo im Prozess sie gerade stehen.
Wenn die internationale Rekrutierung von pädagogischen Fachkräften in den kommenden Jahren zunimmt - und die bestehenden Programme deuten genau darauf hin -, werden exakt die Prozesse relevant, die ON7 digitalisiert: Vorbereitung, Dokumente, Visa, Anerkennung und Integration. Gerade weil die Anerkennung im Erzieherberuf föderal organisiert und dadurch komplex ist, kann eine Plattform, die diese Schritte strukturiert und beschleunigt, einen echten Unterschied machen.
Internationale Fachkräfte werden das Betreuungsproblem nicht allein lösen. Aber je einfacher, schneller und planbarer der Weg nach Deutschland wird, desto wirksamer lässt sich ein Personalengpass angehen.
Internationale Fachkräfte planbar rekrutieren
Ein Recht ist nur so stark wie die Menschen, die es einlösen
Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist eine gute Nachricht für Millionen Familien. Er verbessert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, stärkt die Erwerbsbeteiligung der Eltern und schafft mehr Bildungsgerechtigkeit für Kinder. Aber ein Anspruch auf dem Papier nützt wenig, wenn niemand da ist, um ihn zu erfüllen. Die Betreuungsfrage ist im Kern eine Fachkräftefrage - genauso wie die Pflege, das Gesundheitswesen und weite Teile der Wirtschaft.
Und damit steht mehr auf dem Spiel als ein einzelnes Gesetz. Der Fachkräftemangel entscheidet zunehmend darüber, welche politischen und gesellschaftlichen Versprechen Deutschland überhaupt noch einlösen kann. Wer diese Versprechen halten will, muss sie nicht nur beschließen und finanzieren - sondern personell absichern. Im Inland und international.
Was bedeutet das für Unternehmen?
Verlässliche Ganztagsbetreuung entscheidet mit darüber, wie viele Eltern - statistisch vor allem Mütter - in Vollzeit arbeiten können. Fehlt sie, reduzieren Beschäftigte ihre Arbeitszeit oder steigen ganz aus - der Personalengpass der Kommunen wird so zum Personalengpass der Unternehmen.
Die Betreuungsfrage zeigt zugleich ein Muster, das Arbeitgeber aus Pflege und Gesundheitswesen kennen: Inländische Ausbildung allein deckt den Bedarf kurzfristig nicht. Wer internationale Rekrutierung früh und strukturiert aufsetzt, verschafft sich einen planbaren zusätzlichen Zugang zu Personal.