Kanada macht es vor: Was Deutschland von Express Entry lernen kann
Kanada versteht Fachkräfteeinwanderung mit „Express Entry“ als digitalen, transparenten Wettbewerbsvorteil. Deutschland behandelt sie häufig noch als föderalen Verwaltungsprozess - mit verteilten Zuständigkeiten und fehlender Planbarkeit. Der entscheidende Unterschied ist strukturell, nicht technisch.
Deutschland diskutiert seit Jahren über Fachkräftemangel, beschleunigte Verfahren und digitale Einwanderung. Kanada hingegen hat längst ein System aufgebaut, das internationale Fachkräftegewinnung als strategischen Wettbewerbsvorteil versteht.
Das bekannteste Beispiel dafür ist „Express Entry” - ein digitales, punktebasiertes Einwanderungssystem, das Bewerber nach klar definierten Kriterien bewertet und eine vergleichsweise schnelle, planbare Entscheidung ermöglicht. (Quelle: Government of Canada, Express Entry System, canada.ca)
Der Unterschied zu Deutschland ist nicht nur technisch. Er ist strukturell.
Wie Express Entry funktioniert
Kanada verfolgt einen vergleichsweise klaren Ansatz: Das Land definiert wirtschaftliche Bedarfe und baut die Einwanderungssystematik darum herum auf. Bewerber erstellen online ein Profil und erhalten Punkte im sogenannten Comprehensive Ranking System (CRS). Bewertet werden unter anderem:
- Alter
- Bildungsniveau
- Berufserfahrung
- Englisch- oder Französischkenntnisse
- Anpassungsfähigkeit (z.B. Bildung in Kanada, Verwandte in Kanada)
Die besten Kandidaten erhalten regelmäßig eine Einladung zur dauerhaften Einwanderung. Ein wichtiger Hinweis: Der offizielle Servicestandard von sechs Monaten gilt ab Einreichung des vollständigen Antrags - nicht ab der Profilerstellung. Die Gesamtdauer im System kann je nach CRS-Score, gewähltem Programm und persönlichen Umständen deutlich variieren. (Quelle: Immigration, Refugees and Citizenship Canada (IRCC), Express Entry Processing Standards, canada.ca; CIC News, November 2025)
Das Entscheidende dabei: Der Prozess ist zentralisiert, digital und vergleichsweise transparent. Bewerber wissen:
- welche Kriterien relevant sind
- wie sie bewertet werden
- wo sie im Prozess stehen
- welche Dokumente benötigt werden
Genau diese Transparenz macht Systeme planbar.
Das System entwickelt sich weiter
Express Entry ist kein statisches System - Kanada passt es laufend an wirtschaftliche und gesellschaftliche Realitäten an. So wurden etwa seit März 2025 die Bonuspunkte für Jobangebote aus dem CRS entfernt, um Betrug im System einzudämmen. (Quelle: Immigration, Refugees and Citizenship Canada, Ministerial Instructions, 25. März 2025) Das zeigt: Auch ein gut konzipiertes System muss kontinuierlich weiterentwickelt werden. Der strukturelle Vorteil bleibt dennoch bestehen - Transparenz, Zentralisierung und klare Entscheidungslogik.
Deutschland funktioniert noch grundlegend anders
Deutschland besitzt kein vergleichbares zentrales Erwerbsmigrationssystem.
Stattdessen treffen internationale Fachkräfte häufig auf:
- föderale Zuständigkeiten
- fragmentierte Anerkennungsverfahren
- unterschiedliche Behörden
- lange Kommunikationswege
- fehlende Transparenz
- analoge Prozesse
An einem einzigen Visumsverfahren sind derzeit mindestens sieben verschiedene Behörden beteiligt - von Auslandsvertretungen über Ausländerbehörden bis zu Anerkennungsstellen und Kammern (Quelle: workandstayagentur.de, 2025).
Das Problem ist deshalb nicht nur die Dauer, sondern die fehlende Planbarkeit. Viele Unternehmen können heute kaum realistisch einschätzen:
- wie lange Verfahren dauern
- welche Unterlagen noch fehlen
- welche Behörde für was zuständig ist
- wann Fachkräfte tatsächlich starten können
Der eigentliche Unterschied: Kanada denkt vom Talent aus - Deutschland vom Verfahren
Kanada behandelt Fachkräfteeinwanderung wie einen wirtschaftlichen Wettbewerb und Deutschland behandelt sie häufig noch wie einen Verwaltungsprozess. Das zeigt sich besonders in der Nutzerperspektive.
Kanada fragt: „Wie schaffen wir einen schnellen, attraktiven und nachvollziehbaren Zugang für qualifizierte Fachkräfte?”
Deutschland fragt häufig zuerst: „Welche Zuständigkeit gilt?”
- Föderale Zuständigkeiten, kein zentrales Erwerbsmigrationssystem
- Fragmentierte Anerkennungsverfahren über viele Behörden
- Überwiegend analoge Prozesse
- Fehlende Transparenz und Planbarkeit
- Zentralisiertes, punktebasiertes System (Express Entry)
- Klare Kriterien im Comprehensive Ranking System (CRS)
- Digitales Online-Profil und Antragsverfahren
- Nachvollziehbarer Prozess mit definierten Servicestandards
Genau das macht im internationalen Wettbewerb einen enormen Unterschied. Denn hochqualifizierte Fachkräfte vergleichen heute nicht nur Gehälter oder Lebensqualität. Sie vergleichen auch Prozesse. Wer als IT-Spezialist aus Indien, Ingenieurin aus Brasilien oder Pflegefachkraft von den Philippinen zwischen mehreren Ländern wählen kann, entscheidet sich oft für das System mit der höchsten Geschwindigkeit und Transparenz. Der OECD International Migration Outlook 2024 bestätigt, dass der internationale Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte zunimmt und Länder ihre Migrationssysteme zunehmend als Standortfaktor begreifen. (Quelle: OECD, International Migration Outlook 2024, Paris 2024)
Express Entry ist nicht nur ein Einwanderungssystem
Es ist ein strukturelles Signal an internationale Talente: „Wir wollen euch. Und wir machen den Prozess nachvollziehbar.”
Im globalen Wettbewerb um Fachkräfte gewinnt nicht automatisch das Land mit den meisten offenen Stellen - sondern das Land, das am einfachsten zugänglich ist.
Was bedeutet das für Unternehmen?
Solange Deutschland kein zentrales, planbares System bietet, liegt die Verantwortung für Geschwindigkeit und Transparenz bei den Unternehmen selbst. Wer Recruiting, Visa und Anerkennung digital bündelt, kann internationalen Fachkräften die Nachvollziehbarkeit bieten, die der Standort strukturell noch nicht leistet.
Damit wird der Einstellungsprozess vom Standortnachteil zum eigenen Wettbewerbsvorteil - genau dort, wo qualifizierte Talente heute zwischen mehreren Ländern vergleichen.