Ohne FQN keine Fahrt: Warum internationale Lkw-Fahrer an der Grundqualifikation scheitern

ON7 Redaktion
3 Min. Lesezeit
02.12.2025
Banner zum Blogartikel Ohne FQN keine Fahrt: Warum internationale Lkw-Fahrer an der Grundqualifikation scheitern

Ein paradoxes System: Fahrer gesucht, Fahrer vorhanden - aber nicht zugelassen

Der Fachkräftemangel im Straßengüterverkehr ist seit Jahren dramatisch. Rund 80.000 Berufskraftfahrer fehlen in Deutschland, jedes Jahr gehen etwa 30.000 in Rente, aber nur rund 15.000 neue Fahrer kommen nach (Quelle: Bundesamt für Güterverkehr, 2024). Gleichzeitig gibt es weltweit hunderttausende qualifizierte Lkw-Fahrer, die in Deutschland arbeiten möchten. Viele haben jahrelange Erfahrung, internationale Strecken gefahren und große Fuhrparks bedient. Dennoch dürfen sie hier nicht fahren. Der Grund ist ein Dokument, das in Deutschland über jede berufliche Zukunft eines Fahrers entscheidet: der Fahrerqualifizierungsnachweis.

Was ist der FQN?

Die Fahrerqualifizierungsnachweis-Karte ist ein verpflichtendes Dokument für alle Berufskraftfahrer in Deutschland und ersetzt den bisherigen Eintrag “95” im Führerschein. Hiermit wird bestätigt, dass jemand die Berufskraftfahrergrundqualifikation nach dem Berufskraftfahrerqualifikationsgesetz (BKrFQG) erfüllt und ist Pflicht für alle, die gewerblich Lkw fahren wollen. Für Fahrer aus Nicht-EU-Ländern bedeutet das: Sie müssen in Deutschland die Grundqualifikation nachholen - egal, wie viel Berufserfahrung sie haben. Die Idee ist sinnvoll: Sicherheit. Die Umsetzung ist das Problem.

Kosten - für viele unerschwinglich

Der FQN ist teuer. Schon die beschleunigte Grundqualifikation umfasst 140 Unterrichtsstunden und kostet je nach Region und Fahrschule zwischen 3.000 und 6.000 Euro (Quelle: DEKRA, 2024). Zusätzlich fallen an:

  • Kosten für ärztliche Untersuchung
  • Führerscheinumschreibung
  • Übersetzungen
  • Prüfungsgebühren
  • zusätzliche Module für Gefahrgut oder Ladungssicherung

Viele internationale Bewerber können diese Summen nicht vorstrecken - bevor sie überhaupt eine Chance auf einen Arbeitsvertrag haben.

Dauer - endlose Wartezeiten

Die Wartezeit auf Kursplätze liegt in vielen Regionen bei mehreren Monaten, in Spitzenzeiten sogar bei einem halben Jahr. Das führt zu absurden Situationen:

Fahrer reisen ein, können aber monatelang nicht arbeiten. Unternehmen warten, obwohl sie dringend Touren besetzen müssten. Bewerber gehen zurück, weil sie die Zeit finanziell nicht überbrücken können. Unterdessen bleiben Lkw stehen - und Lieferketten brüchig.

Sprache - die größte Hürde von allen

Der Theorieteil der Grundqualifikation ist für die meisten internationalen Fahrer das größte Hindernis. Die Prüfung findet ausschließlich auf Deutsch statt - ohne Dolmetscher, ohne alternative Sprachversionen. Laut Deutscher Industrie- und Handelskammer scheitern die meisten Bewerber nicht am Fahren, sondern am „sprachlich hochkomplexen Theorieteil“ (Quelle: DIHK, 2024). Die Fragen enthalten umfangreiche Fachbegriffe wie Rollwiderstand, kombinierte Bremssysteme, Transportrecht oder Sozialvorschriften für den Güterverkehr. Viele Fahrer mit 10 Jahren Berufserfahrung bestehen den Test mehrfach nicht - weil die Fachsprache eine Barriere darstellt.

Anerkennung ausländischer Qualifikationen - fast nicht existent

Berufserfahrung aus Drittstaaten wird in Deutschland kaum anerkannt. Selbst wer Konvois gefahren hat, internationale Routen kennt, schwere Sattelzüge bedient oder technische Kenntnisse mitbringt, muss hier die Grundqualifikation komplett neu absolvieren (Quelle: Bundesministerium für Digitales und Verkehr, 2024). Das führt dazu, dass hochqualifizierte Fahrer auf dem Papier als Anfänger gelten - und nicht arbeiten dürfen.

Bürokratie - ein System, das Talente verliert

Unternehmen berichten von langen Führerscheinumschreibungsprozessen, unklaren Zuständigkeiten zwischen Behörden, fehlender Transparenz bei Dokumenten und zusätzlichen Kosten für Beglaubigungen und Übersetzungen. Laut einer Umfrage des DSLV sehen 68 Prozent der Logistikunternehmen die Anerkennungsverfahren als „zu langsam und zu intransparent“ an (Quelle: DSLV, 2023). Viele Fahrer geben auf, bevor sie überhaupt in den Beruf einsteigen.

Was sich ändern müsste - ohne den FQN abzuschaffen

Es geht nicht darum, Standards zu senken. Sicherheit bleibt unverhandelbar. Aber die Grundqualifikation kann angepasst werden, ohne ihre Qualität zu verlieren:

  • Prüfungen in zusätzlichen Sprachen anbieten
  • Dolmetscher zulassen
  • Berufspraxis aus Drittstaaten stärker anerkennen
  • digitale Lernmodule mit vereinfachter Sprache entwickeln
  • modulare Vorbereitungskurse für Migranten
  • ein bundesweites, einheitliches Verfahren schaffen
  • Diese Schritte sind nicht ideologisch - sie sind realistisch.

Der Engpass entsteht nicht auf der Straße, sondern im System

Deutschland hat keinen Mangel an Menschen, die fahren wollen. Deutschland hat einen Mangel an Menschen, die fahren dürfen. Solange Kosten, Sprache und Bürokratie internationale Fachkräfte aussperren, bleibt der Fachkräftemangel hausgemacht. Der Fahrerqualifizierungsnachweis muss nicht abgeschafft werden - aber er muss endlich praxistauglich werden.

Denn ohne Fahrer fährt nichts. Und ohne Reform bleibt der Mangel bestehen.

↳ Link zum LinkedIn-Beitrag